Die Diagnose einer lang andauernden Krankheit stellt das Leben oft auf den Kopf. In Deutschland leben Millionen Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, die nicht einfach wieder verschwinden. Doch was bedeutet dieser Begriff eigentlich genau? Welche Auswirkungen hat er auf den Alltag, die Lebensqualität und die Lebenserwartung?
Dieser Artikel bietet Informationen für Patienten, Angehörige und Interessierte, um den Umgang mit der Krankheit besser zu verstehen und Wege zu einer optimalen Versorgung zu finden.
Was bedeutet es, chronisch krank zu sein?
Nicht jede Krankheit heilt nach wenigen Tagen oder Wochen aus. Die medizinische Definition besagt, dass eine Erkrankung als chronisch gilt, wenn sie wenigstens ein Jahr lang besteht und eine Dauerbehandlung erfordert. Im Gegensatz zu akuten Erkrankungen, wie einer Grippe oder einem Knochenbruch, ist eine vollständige Heilung bei chronischen Krankheiten in der Regel nicht möglich.
Das Ziel der Medizin und der therapeutischen Maßnahmen verschiebt sich hierbei: Es geht weniger um das vollständige Beseitigen der Ursache, sondern vielmehr um das Linderung der Symptome, das Verlangsamen des Fortschreitens und den Erhalt der Gesundheit so weit wie möglich.
Kriterien für „schwerwiegend chronisch krank“
Der Gesetzgeber und die Krankenkassen unterscheiden zwischen einer einfachen chronischen Erkrankung und dem Status schwerwiegend chronisch krank. Ein Versicherte gilt als schwerwiegend chronisch krank, wenn er sich seit mindestens einem Jahr wegen derselben Krankheit in ärztlicher Dauerbehandlung befindet und zusätzlich eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
- Es liegt eine Pflegebedürftigkeit des Pflegegrades 3, 4 oder 5 vor.
- Es liegt ein Grad der Behinderung (GdB) oder eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60 Prozent vor, die durch die Erkrankung begründet ist.
- Es ist eine kontinuierliche medizinische Versorgung (ärztlich oder psychotherapeutisch) notwendig, ohne die sich der Gesundheitszustand lebensbedrohlich verschlimmern würde, die Lebenserwartung vermindert wäre oder eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität eintreten würde.
Auswirkungen auf Alltag und Wohlbefinden
Das Leben mit einer chronischen Erkrankung erfordert Anpassungen. Betroffene müssen oft täglich Medikamente einnehmen, ihren Lebensstil ändern oder regelmäßige Termine bei Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen wahrnehmen.
Die Auswirkungen auf das Wohlbefinden können physischer und psychischer Natur sein. Schmerzen, Müdigkeit oder eingeschränkte Mobilität belasten den Körper. Gleichzeitig kann das Wissen um die Unheilbarkeit oder die Angst vor einer Verschlimmerung und möglichen Schädigungsfolgen psychischen Stress auslösen. Dennoch schaffen es viele Menschen, trotz Einschränkungen ein erfülltes Leben zu führen, indem sie lernen, ihre Ressourcen einzuteilen und Unterstützung anzunehmen.
Die häufigsten Formen chronischer Erkrankungen
Es gibt eine Vielzahl chronischer Leiden. Sie betreffen unterschiedliche Organsysteme und Altersgruppen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Diese Gruppe zählt zu den häufigsten Todesursachen und Einschränkungen in den Industrienationen. Hierzu gehören Bluthochdruck (Hypertonie), die koronare Herzkrankheit (KHK) und die Herzinsuffizienz. Unbehandelt erhöhen sie das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle massiv und haben direkten Einfluss auf die Sterblichkeit.
Stoffwechselerkrankungen: Diabetes mellitus
Eine der verbreitetsten Volkskrankheiten ist Diabetes mellitus. Während Typ 1 eine Autoimmunerkrankung ist, wird Typ 2 oft durch Lebensstilfaktoren begünstigt. Diabetes erfordert ein lebenslanges Management des Blutzuckerspiegels, um Folgeschäden an Nerven und Gefäßen zu vermeiden.
Erkrankungen des Atmungssystems
Chronische Lungenerkrankungen schränken die Atmung und damit die körperliche Belastbarkeit ein. Zu den wichtigsten zählen Asthma bronchiale und die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), die häufig Folge jahrelangen Rauchens ist. Auch Allergien können chronische Verläufe annehmen und die Atemwege dauerhaft belasten.
Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems
Schmerzen im Bewegungsapparat sind ein häufiger Grund für Krankschreibungen und Frühverrentungen. Erkrankungen des Muskel Skelett Systems umfassen beispielsweise Arthrose (Gelenkverschleiß), Rheumatoide Arthritis (entzündliches Rheuma), Osteoporose (Knochenschwund) und chronische Rückenschmerzen. Sie führen oft zu einer erheblichen Einschränkung der Mobilität.
Psychische und neurologische Erkrankungen
Nicht nur der Körper, auch die Psyche kann chronisch erkranken. Depressionen und Angststörungen sind weit verbreitet und erfordern oft jahrelange Therapie. Neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) oder Demenz greifen tief in die Funktionen des Nervensystems ein und verändern die Persönlichkeit oder die körperliche Kontrolle der Erkrankten.
Medizinische Versorgung und Betreuung
Die Gesundheitsversorgung chronisch Kranker ist komplex. Da oft mehrere Organe betroffen sind oder Nebenwirkungen von Medikamenten beachtet werden müssen, ist die Koordination zwischen Hausärzten, Spezialisten und der Pflege essenziell.
Disease Management Programme (DMP)
Um die Behandlung chronisch Kranker zu optimieren, wurden in Deutschland sogenannte Disease Management Programme (DMP) eingeführt. Dabei handelt es sich um strukturierte Behandlungsprogramme, die auf wissenschaftlich gesicherten Leitlinien basieren.
Ein DMP soll sicherstellen, dass der Patient eine kontinuierliche, qualitätsgesicherte Betreuung erhält. Die Teilnahme ist freiwillig. Typische Erkrankungen, für die DMPs angeboten werden, sind:
- Diabetes mellitus (Typ 1 und Typ 2)
- Koronare Herzkrankheit
- Asthma bronchiale
- COPD
- Brustkrebs
- Osteoporose
- Rheumatoide Arthritis
Die Inhalte dieser Programme werden regelmäßig vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) überprüft und an den aktuellen medizinischen Wissensstand angepasst.
Vorteile für Patienten im DMP
In diesen Programmen werden Patienten aktiv in die Therapieentscheidungen einbezogen. Sie erhalten Schulungen und Informationen, um ihre Krankheit besser zu verstehen und im Alltag besser damit umzugehen. Dies fördert die Therapietreue und kann helfen, Verschlimmerungen und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.
Pflegegrad und Unterstützung
Wenn die chronische Erkrankung die Selbstständigkeit stark einschränkt, haben Betroffene Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung. Insbesondere ab Pflegegrad 3 stehen umfangreiche Mittel für die häusliche Pflege, Pflegegeld oder Sachleistungen zur Verfügung. Aber auch bei niedrigeren Pflegegraden können der Entlastungsbetrag und Hilfsmittel beantragt werden, um das Leben zu Hause beispielsweise mit einer Haushaltshilfe zu erleichtern.
Prävention und Lebensstil: Was Sie selbst tun können
Auch wenn eine chronische Krankheit oft nicht heilbar ist, haben Betroffene großen Einfluss auf den Verlauf. Ein gesunder Lebensstil ist eine der wichtigsten Säulen der Therapie und der Prävention.
Ernährung und Bewegung bei chronischen Krankheiten
Eine ausgewogene Ernährung hilft, das Gewicht zu regulieren, was besonders bei Herz Kreislauf Erkrankungen, Diabetes und Gelenkproblemen wichtig ist. Regelmäßige Bewegung und Sport stärken das Immunsystem, verbessern die Stimmung, welche sich auf Depressionen auswirken kann und erhalten die Mobilität.
Stressmanagement und Verzicht auf Schadstoffe
Stress kann entzündliche Prozesse im Körper fördern und Schübe bei Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Rheuma auslösen. Entspannungstechniken sind daher wertvolle Begleiter. Der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum ist zudem, vor allem bei Lungenerkrankungen und zur Vorbeugung von Krebserkrankungen, unerlässlich.
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Gemeinsam stark: Chronische Krankheit aktiv und selbstbestimmt gestalten
Chronische Krankheiten sind nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Da die Bevölkerung immer älter wird, nimmt die Zahl der Erkrankten zu. Dies erfordert Anpassungen im Gesundheitssystem, am Arbeitsplatz und im sozialen Miteinander.
Für den Einzelnen bedeutet die Diagnose zunächst oft einen Schock. Doch mit der richtigen medizinischen Behandlung, der Nutzung strukturierter Behandlungsprogramme und einer aktiven Anpassung des Lebensstils ist es oft möglich, die Lebensqualität lange zu erhalten. Nutzen Sie die Informationen Ihrer Krankenkasse, sprechen Sie mit Ihren Ärztinnen und Ärzten über DMPs und scheuen Sie sich nicht, finanzielle und pflegerische Hilfen wie die Anpassung der Belastungsgrenze oder die Feststellung eines Pflegegrades 3 zu beantragen.
Sie sind mit Ihrer Situation nicht allein, ein gutes Netzwerk aus Medizinern, Therapeuten und Angehörigen ist der Schlüssel, um die Krankheit in das Leben zu integrieren, anstatt sich von ihr das Leben diktieren zu lassen.