Aktivierende Pflege: Mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität im Pflegealltag

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In einer Gesellschaft des langen Lebens gewinnt die Qualität der Pflegejahre zunehmend an Bedeutung. Pflege ist heute längst kein rein mechanischer Akt der Versorgung mehr, bei dem ein passiver Empfänger von einer aktiven Pflegekraft behandelt wird. Vielmehr hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: hin zur aktivierenden Pflege. Dieses Konzept versteht Pflege als einen dynamischen Prozess, der die Autonomie des Menschen bis zuletzt schützen will. Es geht darum, die Pflegebedürftigkeit nicht als Endpunkt der persönlichen Handlungsfähigkeit zu begreifen, sondern als eine Lebensphase, in der Ressourcen neu entdeckt und gezielt gefördert werden müssen. Definition und theoretisches Fundament Aktivierende Pflege ist eine Pflegeform, die…

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Inhaltsverzeichnis

In einer Gesellschaft des langen Lebens gewinnt die Qualität der Pflegejahre zunehmend an Bedeutung. Pflege ist heute längst kein rein mechanischer Akt der Versorgung mehr, bei dem ein passiver Empfänger von einer aktiven Pflegekraft behandelt wird. Vielmehr hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: hin zur aktivierenden Pflege.

Dieses Konzept versteht Pflege als einen dynamischen Prozess, der die Autonomie des Menschen bis zuletzt schützen will. Es geht darum, die Pflegebedürftigkeit nicht als Endpunkt der persönlichen Handlungsfähigkeit zu begreifen, sondern als eine Lebensphase, in der Ressourcen neu entdeckt und gezielt gefördert werden müssen.

Definition und theoretisches Fundament

Aktivierende Pflege ist eine Pflegeform, die alle pflegerischen Maßnahmen bezeichnet, bei denen die pflegebedürftige Person aktiv in die Pflegehandlungen einbezogen wird. Die Pflege zielt darauf ab, vorhandene körperliche, geistige und seelische Kräfte sowie soziale Fähigkeiten zu fördern, zu erhalten und sinnvoll einzusetzen. Dabei folgt sie konsequent dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Pflegeperson übernimmt Tätigkeiten nicht stellvertretend, sondern begleitet, unterstützt, motiviert und leitet an. Ziel ist es, die Selbstpflegekompetenz der betroffenen Person zu stärken und Abhängigkeit von fremder Hilfe möglichst zu reduzieren oder zumindest nicht unnötig zu verstärken.

Zentrale Merkmale der aktivierenden Pflege

  • Ressourcenorientierung: Fokus auf Fähigkeiten, Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten statt Defizite
  • Partizipation: Die pflegebedürftige Person wird aktiv in Entscheidungen und Handlungen einbezogen
  • Ganzheitlichkeit: Berücksichtigung körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Ebenen
  • Individualität: Anpassung der Pflegemaßnahmen an Biografie, Gewohnheiten, Bedürfnisse und Tagesform
  • Würde und Respekt: Achtung der Menschenwürde und Förderung des Selbstwertgefühl

Das Fundament ist ein humanistisches Menschenbild. Jeder Mensch wird als Individuum mit einer einzigartigen Biografie gesehen. Auch wenn körperliche Funktionen nachlassen, bleiben der Kern der Persönlichkeit und der Wunsch nach Selbstbestimmung bestehen.

Der Einfluss von Ingo Bartussek

Der Pflegewissenschaftler Ingo Bartussek hat diesen Ansatz maßgeblich geprägt. Er postulierte, dass professionelle Pflege dort endet, wo sie den Menschen zur Unselbstständigkeit „erzieht“. Wenn eine Pflegekraft aus Zeitnot den Patienten füttert, obwohl dieser den Löffel noch selbst halten könnte, findet eine „erlernte Hilflosigkeit“ statt. Bartussek fordert stattdessen eine Pflege, die Entwicklung ermöglicht und die Selbstpflegekompetenz stärkt.

Die psychologische Dimension: Würde und Selbstwert

Pflegebedürftigkeit ist für die Betroffenen oft mit Scham und dem Gefühl des Kontrollverlusts verbunden. Wer sein Leben lang gearbeitet, Kinder erzogen und einen Haushalt geführt hat, empfindet es oft als demütigend, plötzlich beim Waschen oder Toilettengang auf Hilfe angewiesen zu sein.

Die aktivierende Pflege kehrt diesen Prozess um. Indem der Patient nicht „gewaschen wird“, sondern „sich unter Anleitung wäscht“, bleibt er der Regisseur seines eigenen Körpers. Diese kleinteilige Partizipation ist der Schlüssel zur Wahrung der Menschenwürde. Es entsteht eine psychologische Stabilisierung: „Ich kann noch etwas bewirken.“

Durch das Erleben kleiner Erfolge, unter anderem das eigenständige Greifen der Kaffeetasse nach einem Schlaganfall, wird die psychische Widerstandskraft (Resilienz) gestärkt. Dies wirkt depressiven Verstimmungen entgegen, die im Alter häufig durch das Gefühl der Nutzlosigkeit entstehen.

Kernziele aktivierende Pflege

Die aktivierende Pflege verfolgt einen klaren, zugleich vielschichtigen Zielansatz. Im Mittelpunkt dieser Form der Pflege steht nicht allein die Versorgung einer pflegebedürftigen Person, sondern die bewusste Förderung ihrer vorhandenen Ressourcen, Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten. Ihre Kernziele greifen auf körperlicher, geistiger, seelischer und sozialer Ebene ineinander und bilden die Grundlage für eine Pflege, die den Menschen als handelndes, selbstbestimmtes Individuum versteht.

Erhalt der physischen Mobilität

Mobilität ist die Freiheit, den Ort selbst zu wählen. Aktivierende Pflege setzt hier auf:

  • Kontrakturprophylaxe: Durch aktive Bewegung der Gelenke wird Versteifungen vorgebeugt.
  • Sturzprophylaxe: Gezieltes Training der Muskulatur und des Gleichgewichts reduziert die Angst vor dem Fallen.
  • Transfer-Training: Das Erlernen sicherer Bewegungsabläufe vom Bett in den Rollstuhl.

Kognitive Vitalität

Geistige Fitness ist eng mit körperlicher Aktivität verknüpft. Aktivierende Pflege integriert Gedächtnistraining spielerisch in den Alltag, etwa durch das gemeinsame Planen des Wocheneinkaufs oder das Erinnern an biografische Ereignisse während der Grundpflege.

Soziale Teilhabe

Einsamkeit ist ein großer Risikofaktor im Alter. Aktivierung bedeutet hier, den Kontakt zur Außenwelt zu halten, Besuche zu fördern und die Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten (z. B. Singkreise, gemeinsames Kochen) zu unterstützen.

Methodik: Hilfe zur Selbsthilfe in der Praxis

Anstatt eine Handlung für den Patienten auszuführen, wird sie in Teilschritte zerlegt:

  1. Vorbereitung: Die Pflegekraft legt die benötigten Utensilien (z. B. Kamm, Zahnbürste) in das Sichtfeld und in Griffnähe.
  2. Impulsgebung: Ein verbaler Hinweis oder eine sanfte Berührung initiiert die Handlung.
  3. Anleitung: Wenn der Patient stockt, wird der nächste Schritt erklärt oder demonstriert.
  4. Teilübernahme: Nur schwierige Passagen (z. B. den Hinterkopf kämmen) übernimmt die Pflegekraft.

Ressourcenorientierung vs. Defizitorientierung

Der Unterschied zwischen defizitorientierter und ressourcenorientierter Pflege liegt weniger in den einzelnen Handgriffen als vielmehr in der Haltung, mit der Pflege gestaltet wird. In der klassischen, defizitorientierten Betrachtungsweise steht im Vordergrund, was eine pflegebedürftige Person nicht mehr leisten kann. Formulierungen wie „Patient kann sich nicht allein waschen“ beschreiben zwar eine Einschränkung, blenden jedoch vorhandene Fähigkeiten vollständig aus. Für die Pflegepraxis bedeutet das häufig: Tätigkeiten werden übernommen, ohne das verbleibende Potenzial zu nutzen.

Die aktivierende Pflege setzt bewusst einen anderen Schwerpunkt. Sie fragt nicht zuerst nach dem Defizit, sondern nach den verbliebenen Ressourcen. Die Aussage „Patient kann den Oberkörper mit Unterstützung der rechten Hand selbstständig waschen“ macht deutlich, dass Fähigkeiten vorhanden sind, auf denen aufgebaut werden kann. Diese Sichtweise verändert nicht nur die Pflegedokumentation, sondern auch den gesamten Pflegeprozess.

Für die pflegebedürftige Person hat dieser Perspektivwechsel eine spürbare Wirkung. Wer als kompetent und handlungsfähig wahrgenommen wird, erlebt sich selbst weniger als hilfsbedürftig und mehr als aktiven Gestalter des eigenen Alltags. Das stärkt das Selbstwertgefühl, fördert die Motivation zur Mitarbeit und wirkt dem Abbau von Fähigkeiten entgegen.

Auch für Pflegepersonen bringt die Ressourcenorientierung eine Veränderung. Pflege wird zu einem begleitenden Prozess, in dem Anleiten, Motivieren und Beobachten eine größere Rolle spielen als das reine Ausführen von Aufgaben. Die Beziehung zwischen Pflegenden und Gepflegten wird partnerschaftlicher, respektvoller und von gegenseitigem Vertrauen geprägt.

Aktivierende Pflege bei Demenz

Bei Menschen mit demenziellen Veränderungen stößt die rein rationale Aktivierung oft an Grenzen. Hier muss die Aktivierung auf der emotionalen Ebene ansetzen.

Man aktiviert einen Demenzkranken nicht, indem man ihn korrigiert, sondern indem man seine Welt validiert und schätzt. Wenn eine ehemalige Schneiderin ständig an ihrem Tischtuch nestelt, kann man dies als Ressource nutzen und ihr Stoffreste zum Sortieren geben. Dies aktiviert feinmotorische Fähigkeiten und triggert positive Erinnerungen.

Struktur gibt Sicherheit. Wiederkehrende Abläufe (z. B. das tägliche Singen eines bestimmten Liedes beim Anziehen) aktivieren das Langzeitgedächtnis und reduzieren Unruhe und Angst.

Therapeutische Konzepte als Ergänzung

Aktivierende Pflege entfaltet ihre volle Wirkung besonders dann, wenn sie durch therapeutische Konzepte sinnvoll ergänzt wird. Diese Konzepte erweitern den pflegerischen Blick um gezielte fachliche Ansätze aus der Therapie und Rehabilitation und unterstützen Pflegepersonen dabei, vorhandene Fähigkeiten nicht nur zu erhalten, sondern systematisch zu fördern. Dabei geht es nicht um eine Vermischung von Berufsrollen, sondern um ein ineinandergreifendes Arbeiten mit gemeinsamen Zielen.

Das Bobath-Konzept

Besonders nach einem Schlaganfall ist das Bobath-Konzept essenziell. Es basiert auf der Umorganisationsfähigkeit des Gehirns (Neuroplastizität). Aktivierende Pflege bedeutet hier, die betroffene Körperseite konsequent in alle Aktivitäten einzubeziehen, um sie wieder ins Bewusstsein des Patienten zu rücken.

Kinästhetik

Hierbei geht es um die Lehre der Bewegungsempfindung. Pflegekräfte lernen, die Eigenbewegung des Patienten so zu unterstützen, dass dieser sein Gewicht selbst steuern kann. Dies schont den Rücken der Pflegekraft und fördert das Körpergefühl des Patienten.

Die Rolle der Angehörigen: Partner in der Aktivierung

Angehörige leisten den Löwenanteil der Pflege in Deutschland. Oft neigen sie jedoch aus Liebe und Fürsorge dazu, dem Pflegebedürftigen alles abzunehmen.

Anleitung für zu Hause

Pflegedienste sollten Angehörige schulen:

  • Geduld statt Tempo: Es ist schwer zuzusehen, wie jemand 10 Minuten für einen Knopf braucht, aber diese 10 Minuten sind Training für das Gehirn.
  • Umgebung anpassen: Ergonomische Griffe, Sitzerhöhungen und gute Beleuchtung sind passive Aktivierungsfaktoren.
  • Selbstfürsorge: Nur wer selbst Kraft und Energie hat, kann geduldig aktivieren.

Aktivierung im institutionellen Rahmen

In Pflegeheimen ist aktivierende Pflege oft eine Herausforderung für das Zeitmanagement. Doch moderne Konzepte zeigen: Investierte Zeit in die Aktivierung spart später Zeit bei der Vollversorgung.

Milieutherapie

Die Gestaltung der Wohnbereiche spielt eine Rolle. Wenn Flure wie Straßenzüge gestaltet sind und Erinnerungsstücke aus der Jugend der Bewohner ausliegen, regt dies zur eigenständigen Bewegung und Kommunikation an.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Ärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Pflegekräfte müssen an einem Strang ziehen. Wenn der Physiotherapeut das Gehen übt, die Pflegekraft den Bewohner dann aber aus Zeitnot nur im Rollstuhl schiebt, ist der Therapieerfolg gefährdet.

Herausforderungen und Grenzen der Aktivierung

Aktivierung darf nicht in Stress ausarten. Ein Patient mit starken Schmerzen oder in der finalen Sterbephase benötigt oft keine Aktivierung, sondern Ruhe, Linderung und passive Zuwendung. Hier ist professionelle Abwägung gefragt.

Personalmangel in Pflegeeinrichtungen führt zudem oft dazu, dass die zeitaufwendigere aktivierende Pflege zugunsten einer schnellen Versorgungs-Pflege aufgegeben wird. Dies ist ein systemisches Problem, das langfristig zu einem höheren Pflegeaufwand führt, da die Patienten schneller ihre Fähigkeiten verlieren.

Digitalisierung und Technik: Aktivierung 2.0

Moderne Technik bietet neue Chancen:

  • Exoskelette und Roboter-Suiten: Unterstützen die Mobilität bei Lähmungen.
  • VR-Brillen: Ermöglichen virtuelle Spaziergänge für Menschen, die das Bett nicht mehr verlassen können, und aktivieren so das Sehzentrum und die Emotionen.
  • Interaktive Tische (z. B. Tovertafel): Projizieren Spiele auf Oberflächen, die Demenzkranke zu Bewegungen und sozialer Interaktion animieren.

Praktischer Leitfaden: 10 Schritte zur erfolgreichen Aktivierung

  1. Beobachten: Was kann die Person heute? Was konnte sie gestern?
  2. Biografie nutzen: Welche Hobbys oder Berufe prägten das Leben? (Ein ehemaliger Gärtner aktiviert sich eher beim Blumengießen als beim Ballwerfen).
  3. Kleine Ziele setzen: Nicht „wieder laufen können“, sondern „heute sicher an der Bettkante stehen“.
  4. Kommunikation: Erklären Sie jeden Schritt. Nutzen Sie positive Verstärkung.
  5. Zeitmanagement: Planen Sie Pufferzeiten ein. Aktivierung braucht Ruhe.
  6. Hilfsmittel gezielt einsetzen: Nutzen Sie Besteck mit dicken Griffen oder Anziehhilfen, um Autonomie zu ermöglichen.
  7. Fehler zulassen: Wenn beim Essen etwas daneben geht, ist das kein Drama, sondern Teil des Lernprozesses.
  8. Vormachen statt Erklären: Bei kognitiven Einschränkungen hilft das Zeigen der Bewegung oft mehr als tausend Worte.
  9. Gefühle ernst nehmen: Wenn Widerstand kommt, ergründen Sie die Ursache: Angst, Schmerz, Müdigkeit.
  10. Dokumentieren: Halten Sie Erfolge fest, um die Motivation für alle Beteiligten hochzuhalten.

Fazit: Eine Investition in die Menschlichkeit

Aktivierende Pflege ist weit mehr als eine pflegerische Technik; sie ist Ausdruck von Respekt gegenüber der Lebensleistung eines Menschen. Sie erfordert Mut von den Pflegenden, sich zurückzunehmen, und Mut von den Gepflegten, sich anzustrengen.

Indem wir den Fokus von dem, was verloren gegangen ist, auf das lenken, was noch möglich ist, geben wir pflegebedürftigen Menschen ein Stück Identität und Lebensfreude zurück. Letztlich ist aktivierende Pflege eine Investition in unser aller Zukunft, denn wir alle wünschen uns, auch bei Hilfebedarf, als kompetente und selbstbestimmte Individuen wahrgenommen zu werden.

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