Als Frau K. in der 32. Schwangerschaftswoche abends plötzlich ein ziehender Schmerz im rechten Oberbauch überfiel, dachte sie zunächst an eine Magen-Darm-Grippe. Sie legte sich hin, wartete auf Besserung und merkte erst Stunden später, dass etwas anderes dahintersteckte. Genau diese Verwechslung ist eines der gefährlichsten Merkmale des HELLP-Syndroms: Die Symptome wirken harmlos, doch die Folgen können weitreichend sein.
In diesem Ratgeber erfahren Sie, was sich hinter der Abkürzung HELLP verbirgt. Welche Anzeichen Sie ernst nehmen sollten, wie Ärztinnen und Ärzte die Diagnose stellen und welche Behandlung jetzt zählt, damit Sie als Schwangere oder als Angehörige im Ernstfall richtig handeln können.
Was ist das HELLP-Syndrom?
HELLP ist eine Abkürzung der englischen Begriffe: Hemolysis (Hämolyse, also die Auflösung roter Blutkörperchen), Elevated Liver Enzymes (erhöhte Leberenzyme) und Low Platelet Count (niedrige Blutplättchenzahl). Diese drei Veränderungen im Blut bilden zusammen ein eigenständiges Krankheitsbild, das zu den schwersten Schwangerschaftserkrankungen überhaupt zählt.
Das HELLP-Syndrom gilt als besonders gefährliche Sonderform der Präeklampsie, also der klassischen Schwangerschaftsvergiftung (Gestose). Es kann sich aber auch entwickeln, ohne dass vorher eine Präeklampsie bestand, ein Grund, warum die Erkrankung so oft unterschätzt wird. Manche Ärztinnen und Ärzte beschreiben es als eigene Form der Schwangerschaftserkrankung mit eigener Dynamik, die sich von anderen Formen der Gestose deutlich unterscheidet.
Wie häufig tritt das HELLP-Syndrom auf?
Die Angaben zur Häufigkeit schwanken je nach Quelle: Insgesamt geht man davon aus, dass das HELLP-Syndrom bei etwa 1 von 150 bis 300 Schwangerschaften auftritt, was insgesamt weniger als 1 % aller Schwangerschaften entspricht. Meist zeigt sich die Erkrankung in der zweiten Schwangerschaftshälfte, besonders im dritten Trimester, sie kann aber auch erst nach der Geburt auftreten: In rund 30 % der Fälle entwickelt sich das HELLP-Syndrom postpartal, also nachdem das Kind bereits zur Welt gekommen ist.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen des HELLP-Syndroms sind bis heute nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass eine Fehlentwicklung der Plazenta mit gestörter Durchblutung der Gefäße eine zentrale Rolle spielt – dadurch werden Leber, Blutgerinnung und andere Organe in Mitleidenschaft gezogen.
Als Risikofaktoren gelten unter anderem:
- Bestehender Bluthochdruck (Hypertonie) oder Schwangerschaftshochdruck
- Diabetes
- Lupus erythematodes
- Eine genetische Veranlagung, die das Risiko zusätzlich erhöht
- Eine vorangegangene Präeklampsie oder ein früheres HELLP-Syndrom
Wichtig zu wissen: Auch Frauen ohne jeden bekannten Risikofaktor können betroffen sein. Wer bereits einmal ein HELLP-Syndrom durchgemacht hat, trägt in einer weiteren Schwangerschaft ein Wiederholungsrisiko von etwa 5 bis 19 %.
Symptome: Worauf Sie achten sollten
Das Tückische am HELLP-Syndrom ist, dass die ersten Anzeichen oft unspezifisch wirken. Über 90 % der betroffenen Frauen berichten von starken Oberbauchschmerzen im Bereich der Leber, häufig kombiniert mit Übelkeit, Erbrechen oder einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Genau diese Kombination wird leider oft fälschlich als Magen-Darm-Grippe oder Sodbrennen abgetan.
Weitere mögliche Anzeichen sind:
- Plötzliche Blutdruckerhöhung, genauer gesagt auffällige Blutdruckwerte
- Starke Kopfschmerzen
- Sehstörungen wie Flimmern vor den Augen oder verschwommenes Sehen
- Eiweißausscheidung im Urin (Proteinurie)
- Ein diffuses Gefühl, dass „etwas nicht stimmt.“
Wenn Sie als Schwangere anhaltende Oberbauchschmerzen, starke Kopfschmerzen oder Sehstörungen bemerken, ist das immer ein Grund, sich umgehend an Ihre Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt zu wenden oder direkt eine Klinik aufzusuchen. Im Zweifel lieber einmal zu oft abklären lassen als zu spät.
Diagnose: Warum Bluttests entscheidend sind
Weil die körperlichen Symptome so uneindeutig sind, lässt sich das HELLP-Syndrom letztlich nur über Laborwerte sicher diagnostizieren. Untersucht werden vorwiegend:
- Anzeichen für Hämolyse im Blut
- Erhöhte Leberenzyme beziehungsweise Leberwerte
- Eine deutlich erniedrigte Zahl an Blutplättchen (Thrombozytopenie)
Ergänzend kontrollieren Ärztinnen und Ärzte Blutdruck, Urin, Nierenfunktion und Blutgerinnung. Bei begründetem Verdacht erfolgt in aller Regel eine sofortige Einweisung in ein Krankenhaus mit Intensivstation, da sich das HELLP-Syndrom innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtern kann.
Welche Komplikationen drohen?
Unbehandelt kann das HELLP-Syndrom für Mutter und Kind lebensbedrohlich werden. Mögliche Komplikationen sind unter anderem:
- Leberblutungen bis zum Leberriss
- Schwere Störungen der Blutgerinnung
- Nierenversagen
- Plazentalösung
- Wachstumsstörungen oder akute Gefahr für das ungeborene Kind
Diese Bandbreite an möglichen Folgen ist der Grund, warum das HELLP-Syndrom in der Geburtshilfe als echter Notfall gilt. Dabei ist schnelles Handeln wichtig, da bei dieser Erkrankung jede Stunde zählt.
Therapie: Die Geburt als einzige wirksame Behandlung
Die einzige ursächliche Therapie bei einem HELLP-Syndrom ist die Beendigung der Schwangerschaft, also die Entbindung. Alles andere ist unterstützende Behandlung, die Zeit verschaffen oder den Zustand stabilisieren soll.
Bis zur Geburt gehört dazu in der Regel:
- Engmaschige Überwachung von Blutdruck, Blutwerten und kindlichen Vitalzeichen
- Blutdrucksenkende Medikamente
- Magnesiumsulfat zur Vorbeugung von Krampfanfällen
- Gegebenenfalls Transfusionen von Blutplättchen oder Blut
Liegt die Schwangerschaft noch vor der 34. Woche und lässt der Zustand von Mutter und Kind es zu, kann die Geburt unter intensiver Beobachtung kurzzeitig hinausgezögert werden, um die Lungenreife des Kindes zu fördern. Ab der 34. Schwangerschaftswoche wird in der Regel zügig entbunden, häufig per Kaiserschnitt, vor allem wenn Komplikationen vorliegen oder keine Zeit für eine normale Geburt bleibt.
Wichtig zu wissen: Die Entbindung stoppt die Symptome nicht sofort. Nach der Geburt stabilisieren Medikamente zunächst den Zustand der Mutter, und die Blutwerte normalisieren sich meist erst innerhalb von etwa drei Tagen.
Prognose und Nachsorge
Für die meisten Frauen bessern sich Symptome und Laborwerte nach der Entbindung deutlich, die ersten Tage im Wochenbett bleiben aber eine sensible Phase, in der weiterhin engmaschig kontrolliert wird. Da das Wiederholungsrisiko in einer weiteren Schwangerschaft bei 5 bis 19 % liegt, empfiehlt sich für betroffene Frauen eine besonders aufmerksame Vorsorge bei künftigen Schwangerschaften, mitunter auch eine niedrig dosierte ASS-Einnahme nach ärztlicher Empfehlung.
Das Wichtigste in Kürze
Das HELLP-Syndrom ist selten, aber potenziell lebensgefährlich für Mutter und Kind. Es entsteht oft, aber nicht immer, im Zusammenhang mit einer Präeklampsie und zeigt sich vorwiegend durch Oberbauchschmerzen, erhöhten Blutdruck, Kopfschmerzen und Sehstörungen. Weil die Symptome leicht mit harmlosen Beschwerden verwechselt werden können, ist im Zweifel immer eine schnelle ärztliche Abklärung der sicherste Weg. Die einzige wirksame Therapie ist die Entbindung, alles Weitere dient dazu, Mutter und Kind bis dahin so gut wie möglich zu schützen.
Wenn Sie schwanger sind und sich unsicher fühlen, ob Ihre Beschwerden harmlos sind oder nicht: Sprechen Sie es an. Ihre Frauenärztin oder Ihr Frauenarzt ist genau dafür da. Lassen Sie sich im Zweifel lieber einmal zu viel untersuchen.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei akuten Beschwerden in der Schwangerschaft wenden Sie sich bitte umgehend an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder eine Klinik.
